Kristin Berglund: "Sport kann ganz banal sein und schlichtweg Spaß machen."

Geboren in Schweden, sportlich groß geworden in Tirol. Trail-Runnerin Kristin Berlund, 36, erzählt uns wie sie sich nach ihrer schweren Knieverletzung zurück kämpft - und was sie am Sport wirklich schätzt.

Du hast Dich vor einigen Wochen beim Skifahren schwer verletzt. Was ist passiert?

Kristin Berglund: Ich habe mir leider vor drei Wochen einen Kreuz- und Innenbandriss im Knie zugezogen. Besonders ärgerlich ist das, weil ich mir dieselbe Verletzung schon einmal vor etwa einem Jahr im anderen Knie zugezogen habe. Passiert ist es beide Male beim Skifahren. Aber es ist wie es ist. Die Reha läuft ausgezeichnet und ich arbeite hart am Comeback.

In Sachen Reha bist Du ja als Physiotherapeutin vom Fach. Hilft Dir das?

Kristin Berglund: Natürlich weiß ich, was zu tun ist. Wissen, Zeit und Wille sind die Zutaten für eine vollständige und vor allem schnelle Genesung. Ich stelle selbstverständlich sicher, dass alle intelligent abgestimmten, flankierende Maßnahmen reibungslos ineinander greifen. Das beginnt unmittelbar nach der OP bei der Mobilisierung und der Aufnahnme eines entsprechenden Aminosäureprofils, geht über das Kraft- und Koordinationstraining und endet bei Übungen, die die Wiederherstellung der Propriozeption unterstützen. Das Knie wieder "zu spüren" ist ganz, ganz wichtig. Unabhängig vom Know-how muss man aber vor allem viel Zeit und Willenskraft in die Genesung investieren. Ich habe nach meinem ersten Kreuzbandriss richtig hart gearbeitet, etwa gedehnt, gedehnt, gedehnt und ich muss sagen, dass mein Knie nun fast wieder das Alte ist. Und das wird mir auch jetzt wieder gelingen.

"Unabhängig vom Know-how muss man aber vor allem viel Zeit und Willenskraft in die Genesung investieren. Ich habe nach meinem ersten Kreuzbandriss richtig hart gearbeitet, etwa gedehnt, gedehnt, gedehnt und ich muss sagen, dass mein Knie nun fast wieder das Alte ist. Und das wird mir auch jetzt wieder gelingen."

Best-Case-Szenario: Wie sieht 2021 idealerweise für Dich aus?

Kristin Berglund: Zuerst möchte ich gesund werden und wieder uneingeschränkt laufen können. Aktuell ist pandemie-bedingt an eine richtige Laufsaison ohnehin nicht zu denken. Das stört mich auch nicht, kommt mir sogar eher entgegen. Trotzdem wäre es schön, wenn wir etwas an Normalität zurückerlangen könnten. Die jetzige Situation bestätigt mir, dass es eigentlich gar nicht um Resultate, sondern viel mehr um Plätze und Orte, vor allem aber um Menschen und das lässige Zusammenkommen geht. Ich liebe die Trail-Running-Szene, die Art wie wir die Natur und das Leben zelebrieren und feiern. Auch wenn die Beschränkungen und Maßnahmen nachvollziehbar sind, vermisse ich all das schon sehr.

Du hast also Fernweh?

Kristin Berglund: Nein, das würde ich gar nicht sagen. Im Gegenteil: Ich habe furchtbares Heimweh. Ich hatte noch nie im Leben so großes Heimweh wie gerade jetzt. Ich vermisse meine Familie sehr. Obwohl Schweden so nah ist, sind meine Familie und meine Freunde aus Schweden so weit weg. Früher war es einfach, schnell nach Schweden zu fliegen. Gerade eben ist es unmöglich.

"Die jetzige Situation bestätigt mir, dass es eigentlich gar nicht um Resultate, sondern viel mehr um Plätze und Orte, vor allem aber um Menschen und das lässige Zusammenkommen geht. Ich liebe die Trail-Running-Szene, die Art wie wir die Natur und das Leben zelebrieren und feiern."

Welche Bewerbe bzw. welche Projekte planst Du für die kommenden Jahre?

Kristin Berglund: Ich lasse die nächsten Monate erstmal auf mich zukommen. Niemand weiß wie es in den nächsten beiden Jahren weitergehen wird. Ich bin ja recht unstrukturiert (lacht). Insgesamt will ich aber weniger den Ergebnissen nachjagen. Mich interessieren mehr neue Dinge, Abenteuer und Geschichten. Deshalb war das Projekt "Berliner Höhenweg" auch so toll. Die "Diagonale des Fous", zu Deutsch "Diagonale der Verrückten", habe ich am Radar. Das ist ein Ultramarathon auf der Insel La Réunion, der über 167 km und 9700 Höhenmeter quer über die Insel führt.

Wenn man sich Deine unglaublichen Leistungen ansieht, dann kann man ruhigen Gewissens sagen, dass Du eine herausragende Sportlerin bist. Was sagst Du anderen Frauen und Mädchen, die sich für den Ausdauersport, vielleicht auch für das eine oder andere Extreme interessieren?

Kristin Berglund: Einerseits habe ich das Gefühl, dass sich Frauen noch viel mehr zutrauen könnten. Auf der anderen Seite müssten sich die Frauen gegenseitig aber viel mehr stärken, anstatt sich untereinander zu "behacken" und auszubremsen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Erfolg das höchste Gut ist. Es bringt aber nichts, sich dauernd mit anderen zu vergleichen. In Wirklichkeit geht es ja nicht um irgendwelche Platzierungen oder Rangordnungen. Sport kann ja auch ganz banal sein und schlichtweg einfach Spaß machen. Ich freue mich über jede Frau, die ein tolles Rennen läuft oder ein cooles Projekt plant und erfolgreich absolviert. Das inspiriert andere, auch mich, Sport zu machen.

Kristin, vielen Dank & speedy recovery!

Bild: (c) Philipp Reiter

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